17.11.2014

Gastbeitrag: Wütend

Während ich mich neulich beim Sport auf dem Stepper abmühte und dabei meinem heimlichen Sportlaster, dem Gucken von hirnlosen Daily Soaps, hingab, ließ mich ein Film auf dem benachbarten Fernsehmonitor die Daily Soap verlassen und auf den nächsten Sender umschalten.

Es ging um eine Schauspielerin, die durch die Stadt geht und dabei andauernd unerwünscht von Männern angesprochen wird.
Ich guckte mir den Bericht an und obwohl ich danach wieder zurück zu Gute Marien unter Liebe zurückschaltete, blieb der Film mir im Kopf hängen.

Zum Teil, weil ich das sowohl persönlich, als auch aus Erzählungen schon selber mitbekommen habe: Frau geht über die Straße und kriegt Kommentare zu hören. Und das auch unabhängig vom Kleidungsstil.

Zum Teil aber auch, weil ich die Reaktionen der Zuschauer erschreckend fand. Da bekommt diese Schauspielerin aus dem Film Morddrohungen, weil sie sich von den Männern in diesem Film belästigt fühlt. Von Männern, die sie ohne Grund auf der Sprache ansprechen, manchmal anzüglich, manchmal aber auch scheinbar belanglos. Sie wäre ja hässlich und könnte froh sein, dass sie überhaupt Aufmerksamkeit bekommt. Und wenn sie das nicht wollte, könnte sie sich ja wehren. Oder es heißt, das wären normale Komplimente, und man müsse doch normal Konversation betreiben können.

Ich möchte mich zuerst von der Geschlechterrolle trennen. Für mich ist es nämlich egal, ob Mann Frau belästigt oder umgekehrt. Deswegen spreche ich im Weiteren allgemein von Menschen.

Punkt 1: Mensch hat gefälligst jederzeit bereitzustehen, um als „Projektionsfläche einer sexuellen Phantasie“ (Zitat: Marijke Dömges) zu dienen, wenn anderer Mensch darauf Lust hat. Und zwar völlig unabhängig von der jeweiligen Stimmung und Situation von Mensch 1.
Denn mal ganz ehrlich: warum sollte ein Mensch einem anderen Menschen einen noch so belanglosen Spruch hinterherrufen, wenn das Ziel nicht ist, Aufmerksamkeit und die vielleicht ja doch die Chance auf mehr zu bekommen?

Punkt 2: Es gehört offensichtlich für viele Menschen zu den modernen Konversationsregeln, wildfremde Leute auf der Straße ohne Grund zu belästigen. Und zwar Menschen, die überhaupt nichts getan haben, um diese Aufmerksamkeit zu wecken.

Ich werde überhaupt nicht gerne von fremden Leuten auf der Straße angesprochen, weder von Tierschützern, noch von Abo-Verkäufern oder Pennern, geschweige denn von Menschen, die gar keinen Grund haben. Aber die einzige Chance, die ich habe, vor allem letzteren aus dem Weg zu gehen, ist dann, zu Hause zu bleiben. Oder mich hässlich zu machen. Oder mich zu wehren, worauf ich aber auch keine Lust habe. Dann werde ich gezwungen, Energie für etwas aufwenden, die ich gar nicht für so etwas verschwenden will. Weil jemand anders sich nicht im Griff hat.

Glaubt ein Großteil der Menschheit wirklich, dass der Ottonormal-Mensch sein Selbstbewusstsein aus dummen Anmachen von wildfremden Menschen auf der Straße zieht?

Oder andersherum, was kann ich mir davon kaufen, dass ich auf der Straße einen Spruch kassiere? Ich persönlich nichts. Außer, dass ich genervt bin.
Dabei spreche ich hier ausdrücklich nicht von Konversationen, die sich zufällig ergeben können (solange sie eine bestimmte Grenze nicht überschreiten). Auch ich habe mich schon mit Wildfremden verbündet oder auch verfeindet, aber da gab es immer einen Grund und dadurch zumindest ein kurzzeitiges gemeinsames Interesse, egal ob positiv oder negativ. Wenn Mensch mir auf der Straße irgendetwas hinterherruft, hat er Interesse, ich aber nicht.

Wendell Holmes (1841 – 1937) sagte mal „The right to swing my fist ends where the other man's nose begins.“, was frei übersetzt heißt “Deine Freiheit hört da auf, wo sie anfängt, meine einzuschränken.

Ich möchte als Mensch das Recht haben, über die Straße zu gehen, ohne mich über Kommentare jeglicher Art ärgern zu müssen. Und dieses Recht sollte jeder Mensch haben.

Text: TineKaracho

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