27.08.2014

Kulturgüter 2 - Der lange Weg nach Berlin

Kulturgüter Teil 2
Hauptbahnhof Köln an einem Mittwoch um 5:30 Uhr. Der Bahnsteig ist leer.

Jennifer sitzt auf einer Bank mit vier Sitzen unter einer Lampe und blättert in der aktuellen Ausgabe der Vogue.
Jennifer ist 30 Jahre alt, bildhübsch, mit langen blonden Locken, die von einigen Haarspangen in Form gehalten werden.

Sie trägt einen grau-blauen Burberrymantel, Pedro García Ballerinas und eine bequeme Majestic-Hose. Neben ihr steht ein Business-Trolley

Ins Bild stolpert nun Felix, offensichtlich stark alkoholisiert. Felix ist ca. 35 Jahre alt. Er hat kurze blonde Haare und eine auffallende Narbe auf dem Hinterkopf. Er trägt eine RayBan, einen rot/schwarz gestreiften Pulli, Jeans und Sneaker. Er schleift einen Bierkasten hinter sich her, in dem der überwiegende Teil der Flaschen bereits geleert ist. Eine der Flaschen trägt er halbvoll in seiner linken Hand. Er lässt sich erschöpft auf das andere Ende von Jennifers Sitzbank fallen und halbiert den Inhalt seiner Bierflasche erneut. Dann herrscht Ruhe, alle schweigen. Der Signalton vor Durchsage erklingt, die Durchsage bleibt allerdings aus. Dann poltert eine Traube japanischer Touristen die nahe Rolltreppe hinauf und gewinnt umgehend Jennifers und Felixs Aufmerksamkeit. Nach kurzem Innehalten stellt die Truppe offenbar fest, dass sie auf dem falschen Bahnsteig stehen. Hektisch wetzen sie zur nächsten Rolltreppe, um das Gleis wieder zu verlassen. Dabei werden sie von einer Taube verfolgt, die ein Selbstbewusstsein ausstrahlt, als würde sie die Gruppe jagen.

Felix und Jennifer sehen der Taube hinterher. Felix Blick bleibt dabei an Jennifer hängen. Er ergreift das Wort: "Schuldigung, weisst Du wie lang der Zuch von Köln nach Berlin braucht? Also der ICE!"

Jennifer legt sich die Vogue auf den Schoß. Man sieht ihr an, dass sie kurzzeitig überlegt ob Sie überhaupt antworten will. Schließlich sagt sie: "Nein das weiss ich nicht. Sie sollten auf den Fahrplan gucken, vielleicht steht da was."

"Richtig!" erwidert Felix. Er steht auf und torkelt einige Sekunden sinnlos auf dem Bahnsteig herum. Jennifer vertieft sich erneut in ihre Zeitschrift. Doch bereits kurz danach lässt sich Felix wieder auf die Bank sacken, wobei ein Stück seines Plastiksitzes knackend abbricht. Er ignoriert dies völlig.

"Das dauert ganz schön lange." sagt er traurig.

"Aber Berlin ist ja auch ganz schön weit weg." erwidert Jennifer aufmunternd.

"Auch wahr." stimmt ihr Felix zu. Sein Kopf beginnt zu rattern.

"Darf ich Fragen was du beruflich machst?"

Jennifer atmet leicht genervt durch und packt ihre Zeitung in Ihre Tasche. "Ich arbeite in der Logistik. Ich bin Teamleiterin Barge Operations. ... In der Logistik. "

Felix sieht sie fragend an und ergänzt: "Und wohin fahren Sie jetzt?"

"Zu einer Fachtagung... irgendwas mit RFID."

"Aha."

Erneutes Schweigen. Jennifer kramt Ihr Handy hervor und beginnt sinnlos darauf zu starren. Die japanische Reisegruppe betritt erneut, diesmal aber unbeachtet, das Gleis. Diesmal bleibt sie leise schwatzend stehen. Auf einem der Nachbargleise fährt mit lautem Getöse eine Diesellok ein.

Felix beobachtet derweil eine Bahnmitarbeiterin, die offenbar gerade die Lieferung für den Speisewagen vorbereitet. Als sie merkt, dass er sie anstarrt dreht sie ihm langsam den Rücken zu.

"Warum rufst du die da nicht mit deinem Handy an und fragst sie wie lange der Zu fährt? brüllt er gegen den Lärm der Diesellok, wobei er mit seiner Bierflasche auf die Frau deutet. Jennifers ausbleibende Antwort zwingt ihn, den Gedanken zu Ende zu führen: "Ach du hast ja der ihre Nummer gar nicht!"

Felix reibt sich die Stirn. "Ich hab ja selber gar kein Handy mehr, das hab ich gestern zerkloppt." Er trinkt an seinem Bier. "Weil gestern wollte meine Tochter mich umbringen." kurze Pause "Die hab ich jetzt in die Psychiatrie gesteckt. Die ist jetzt auf Hal .." er konzentriert sich "auf Halperidohl." Er grinst "Der gehts jetzt so wie mir. Naja, immer noch besser als Papa ein Messer ins Herz rammen." Zufriedenen strahlt er Jennifer an. Die zögert kurz und fragt nun ausweichend. "Und was machen Sie beruflich?"

Felix leert seine Flasche und stellt Sie zurück in den Kasten. "Ich bin Teamleiter bei Subway."

Der quietschend einfahrende Zug beendet das Gespräch. Durch die aussteigenden Reisenden herrscht kurze Zeit ein wenig Durcheinander am Bahnsteig. Jennifer, Felix und sein Bierkasten steigen ein. Jennifer setzt sich, den Trolley zwischen die Beine geklemmt. Felix stellt seinen Bierkasten ab und sieht sich kurz und verwundert in Abteil um. Außer ihnen ist dort nur noch einer der Japaner. Schließlich sieht er das Schild "Erste Klasse". Er lässt seine Schultern hängen und sagt "Och, schade." dann verlässt er den Wagon in Richtung zweiter Klasse. Dabei vergisst er seinen Bierkasten.

Jennifer starrt auf den Kasten der Zug fährt an. Der japanischen Tourist gerät derweil in Panik, da er festgestellt hat, dass seine Reisegruppe noch auf dem Bahnsteig steht. Laut fluchend verlässt nun auch er das Abteil. "Go tsao de!"

“Endlich wieder Ruhe“ denkt sich Jennifer. Nur das leise Summen des fahrenden ICE ist noch zu vernehmen.

Jennifer legt langsam ihr rechtes Bein auf dem Bierkasten ab. Sie sieht sich um und zieht ihn dann möglichst unauffällig unter Ihren Sitz. Dann schlägt sie ihre Vouge auf und liest weiter.

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Inspiriert durch ein Erlebnis von TineKaracho.

Alle Personen und deren Beschreibung sind frei erfunden.

Kulturgüter Teil 1 gibt es HIER

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